Objekte
October 14, 2022
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TMW

Die Windel mit Sensoren im Technischen Museum Wien: wo Fürsorge in Überwachung kippt

Eine Windel mit Sensor analysiert den Urin und meldet der App der Eltern, ob das Baby genug getrunken hat. Kurator Christian Stadelmann zeigt im Technischen Museum Wien, wo Fürsorge in Überwachung kippt.

Die Windel mit Sensoren im Technischen Museum Wien: wo Fürsorge in Überwachung kippt

Ein Sensor in der Windel analysiert den Urin, noch während er aufgesaugt wird: auf Anzeichen dafür, dass das Baby zu wenig getrunken hat und dehydriert, oder auf einen Harnwegsinfekt. Die Werte gehen an eine App der Eltern, nach der ursprünglichen Idee des Herstellers auch gleich an die Kinderärztin, damit sich zeitgerecht reagieren lässt. Billig ist so eine Windel nicht.

Christian Stadelmann, Kurator im Technischen Museum Wien, zeigt sie in der Ausstellung „Alltag – eine Gebrauchsanweisung“, in der technische Objekte versammelt sind, die im Alltag verwendet werden. Die Windel ist das banalste davon und deshalb das lehrreichste: Auch sie lässt sich technisch aufrüsten.

Das Verfahren selbst ist simpel. Die Sensoren erheben ihre Messwerte dort, wo sie anfallen, und geben sie weiter; wird ein Grenzwert überschritten, setzt die App eine Warnung ab. Der Aufwand liegt nicht im Gerät, sondern in der Annahme dahinter: dass regelmäßiges Wechseln und ein Blick auf das Kind nicht mehr genügen, um zu wissen, wie es ihm geht.

Die Windel steht auch nicht allein in der Vitrine. Daneben liegen Socken in drei Größen – Kinderfüße wachsen –, die Temperatur, Bewegungsintensität und Bewegungsdauer aufzeichnen. Ein Strampler mit eingebautem Gerät tut dasselbe, ebenso ein Modul, das an die Windel geklemmt wird, und eine Einlage für die Matratze, die den Schlaf überwacht, so wie ein Fitnesstracker den Schlaf von Erwachsenen überwacht.

Angefangen hat das vor rund zehn Jahren mit den Aktivitätstrackern. Wie viel bewege ich mich, wie lange, wie warm – alles, was sich mit Sensoren erheben lässt, wurde erhoben, und in Kombination mit Handy und App schien der eigene Körper plötzlich vermessbar. Eine Unzahl von Produkten kam auf den Markt. Von dort war es kein weiter Weg zu jenen, die über sich selbst nicht entscheiden: kleine Kinder, unter Umständen auch entmündigte ältere Menschen. Genau da wird das Thema für Stadelmann heikel, denn wer für einen anderen Menschen misst, entscheidet zuerst, dass dieser Mensch nicht für sich selbst sprechen kann.

Die Unmündigkeit muss zuerst einmal tatsächlich gegeben sein, und damit muss man sich auch ethisch auseinandersetzen.

Wirksam ist bei den Kleinsten vor allem ein Argument, gegen das Eltern schwer ankommen: der plötzliche Kindstod, eine Angst, mit der sich kaum umgehen lässt. Die Geräte versprechen, über die Körpertemperatur oder über das Ausbleiben des Atmens Alarm zu schlagen. Messen lässt sich damit, wie oft ein Kind atmet – nicht aber, wie sicher sich seine Eltern fühlen. Eine Windel, die neben dem Urin auch Daten aufsaugt, verlangt Vertrauen, nur eben in etwas anderes als in das eigene Urteil.